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Edelsteine

Rügen · Mecklenburg-Vorpommern · See

Herthasee

Überlieferung

Unweit der Herthaburg im Jasmunder Wald liegt ein tiefer, schwarzer See. Dort soll einst die Göttin Hertha gebadet haben, gefahren in einem verhüllten, von zwei Kühen gezogenen Wagen, begleitet nur von ihrem Priester und stummen Dienern, die man danach im See ertränkte — denn wer die Göttin ungeweiht erblickte, musste sterben. Bis heute sieht man, besonders im hellen Mondschein, eine schöne Frau mit ihren Dienerinnen aus dem Wald zum See treten und darin verschwinden; wer ihr zu nahe kommt, wird ins Wasser gezogen. Kein Kahn und kein Netz darf den See berühren, sonst holen ihn die Geister des Sees über Nacht auf einen Baum.

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Unsere Lesart

Ein See, den man nur umrunden, nie betreten darf, verlangt eine andere Art von Nähe: die, die auf Abstand bleibt. Wir lesen das Verbot nicht als Strafe, sondern als das, was von einer Verehrung übrig bleibt, wenn man vergessen hat, wen sie einmal galt — nur die Regel bleibt, nicht mehr der Name.

Dichtung, von uns

Im Stubnitzwald des Nationalparks Jasmund, unweit der Steilküste bei der Stubbenkammer, liegt ein kleiner, dunkler See, rundum von Buchenwald eingeschlossen: der Herthasee. Am Nordostufer erhebt sich der Wall der Herthaburg, ausgegraben und datiert auf das 8. bis 12. Jahrhundert — eine slawische Burganlage, keine germanische Kultstätte, wie der Name es nahelegt.

Temme erzählt 1840 die Sage, die dem See seinen Namen gab, hier behutsam an heutige Schreibung angeglichen:

In dieser Burg verehrten die heidnischen Rügianer ein Götzenbild, welches sie Hertha nannten, und unter welchem sie sich die Mutter Erde vorstellten. […] In demselben badete sich alljährlich einige Male die Göttin. Sie fuhr dahin in einem Wagen, der mit einem geheimnisvollen Schleier bedeckt war, und von zwei Kühen gezogen wurde. Nur ihr geweihter Priester durfte sie begleiten. Es wurden zwar auch Sklaven mitgenommen, welche die Zugtiere leiten mussten, aber sie wurden, nachdem sie ihren Dienst verrichtet hatten, alsbald in demselben See ertränkt; denn wessen ungeweihte Augen die Göttin einmal gesehen hatten, der musste sterben.

Bis heute, so Temme weiter, sehe man oft, besonders im hellen Mondschein, eine schöne Frau mit ihren Dienerinnen aus dem Wald treten, im See baden und darin verschwinden. Wer als Wanderer zusieht, wird mit Gewalt ins Wasser gezogen, sobald er es berührt. Und wer einen Kahn oder ein Netz auf den See bringt:

Da hatten ihn die Gespenster des Sees über Nacht hinauf gebracht; denn wie die Leute ihn herunter holten, da hörten sie tief unten aus dem See ein Gespött und eine Stimme, die ihnen zurief: Ich und mein Bruder Nickel haben das getan.

Wann wir hier laden: bei Vollmond, am Ufer des Herthasees.

Steine von hier

Belege

Belegt in gedruckter Quelle

  • Die Volkssagen von Pommern und Rügen. Jodocus Donatus Hubertus Temme, 1840. Nr. 38, S. 65 f., „Der Hertha-See“. Digitalisat.gemeinfrei

Was noch offen ist

Am Wikisource-Volltext geprüft, seitengenau mit dem Scan verknüpft. Temme nennt als Quellen Micrälius' Altes Pommerland (Bd. 1, S. 16), den Berliner Kalender für 1837/38, die Pommerschen Provinzialblätter und Grümbkes Darstellung der Insel Rügen. Die Gleichsetzung der Göttin „Hertha" mit der von Tacitus genannten Nerthus ist eine Deutung der Frühen Neuzeit, keine gesicherte Überlieferung. Die Herthaburg selbst ist archäologisch belegt, aber als slawischer Burgwall des 8. bis 12. Jahrhunderts — mehrere Jahrhunderte nach jeder denkbaren germanischen Kultstätte. Sage und Ausgrabungsbefund erzählen also zwei verschiedene Geschichten übereinander, nicht eine. Der See liegt in der Kernzone des Nationalparks Jasmund; Betreten der Uferwege ist möglich, Baden und Bootfahren sind untersagt — was sich mit dem, was die Sage selbst schon verbietet, auffällig deckt.

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