Berchtesgadener Alpen · Bayern · Berg
Untersberg
Überlieferung
Ein frommer Bürger von Reichenhall sieht auf einem Sonntagsspaziergang den Untersberg offen wie durch ein Kapellentürlein. Ein greiser Mönch mit großem Schlüsselbund führt ihn in eine unterirdische Kirche mit zweihundert Altären, wo er unter kriegerischem Lärm Kaiser Barbarossa und, in stiller Majestät, Karl den Großen mit langem Silberbart sieht. Reicht der Kaiser den Bart ein zweites Mal um die ganze Tafel, bricht der Jüngste Tag herein. Der Mönch zeigt ihm zwölf Ausgänge und einen dürren Birnbaum, der wieder grünen wird, wenn ein Bayernfürst kommt, der das Reich groß macht, und entlässt ihn mit dem Verbot, vor fünfunddreißig Jahren davon zu erzählen.
berg oeffnet sich · schlafende kaiser · verbotene erzaehlung · zeichen am baum
Unsere Lesart
Der Mönch verbietet nicht, was der Bürger gesehen hat, sondern nur, es zu früh zu erzählen. Fünfunddreißig Jahre sind lang genug, dass aus einem Erlebnis eine Erinnerung wird, die man ruhig weitergeben kann.
Dichtung, von uns
1972 Meter, das nördlichste Massiv der Berchtesgadener Alpen, mit einem weiten Gipfelplateau und zwei Hauptgipfeln: dem Berchtesgadener Hochthron auf bayerischer und dem Salzburger Hochthron auf österreichischer Seite. Kaum ein Berg der Alpen trägt so viele Sagen wie dieser, gleich dem Kyffhäuser ein „wahrer Königspalast der Sage”, wie Schöppner 1852 schreibt.
Die Geschichte, die uns hier interessiert, beruft sich auf ein „Historisches Schatzkästlein für Bayern” von 1832 und spielt kurz nach Beginn der Reformation. Ein Bürger aus Reichenhall geht sonntags nach der Frühmesse spazieren und kommt an den Berg, hier behutsam an heutige Schreibung angeglichen:
Er kam an den Untersberg, sah mit Erstaunen den Berg offen wie durch ein Kapellentürlein, darüber eine Inschrift mit silbernen Buchstaben, einer Sprache, die kein Sterblicher gehört. Ihm entgegen schritt ein eisgrauer, ehrwürdiger Mönch mit einem mächtigen Schlüsselbund, ganz in ein großes Buch vertieft. Eine ungeheure Pforte flog klirrend und prasselnd auf, und auf einer schönen Wiese stand eine unendliche Kirche mit zweihundert Altären und mehr als dreißig Orgeln.
Nach dem Gottesdienst führt der Mönch ihn durch die Windungen des Bergs. Er sieht Barbarossa, „der einst in den Papsthändeln Salzburg mit Feuer und Schwert verwüstete”, inmitten von Kriegslärm, Trommelwirbel und wehenden Fahnen, dann, in einsamer Majestät, Karl den Großen mit langem Silberbart:
Reicht der das zweite Mal die ganze lange Tafel herum, so bricht der jüngste Tag herein.
Zwei Kaiser, zwei ganz verschiedene Arten zu warten. Der eine mit Lärm und Fahnen, der andere in Stille, an einem Tisch, dessen Länge die einzige Uhr ist, die zählt.
Der Mönch zeigt dem Bürger zuletzt die zwölf Ausgänge aus dem Berg und einen dürren Birnbaum, der schon einmal gefällt wurde und aus der Wurzel wieder austrieb. Grünt er ein zweites Mal und trägt Früchte, wird ein Bayernfürst kommen, seinen Schild daran hängen und das Land groß machen. Zum Abschied verbietet der Mönch dem Bürger bei Todesstrafe, sich umzusehen und vor Ablauf von fünfunddreißig Jahren irgendjemandem davon zu erzählen.
Wann wir hier laden: in den Rauhnächten, am Fuß des Bergs.
Steine von hier
Belege
Belegt in gedruckter Quelle
- Historisches Schatzkästlein für Bayern. unbekannt, 1832. Bd. 1, S. 7, zitiert nach Sagenbuch der Bayerischen Lande, Bd. 1, Nr. 2, S. 3 f.. Digitalisat.gemeinfrei
- Sagenbuch der Bayerischen Lande. Alexander Schöppner, 1852. Bd. 1, Nr. 2, S. 3 f., „Der Kaiser im Untersberg“. Digitalisat.gemeinfrei
Was noch offen ist
Am MDZ-Scan der Bayerischen Staatsbibliothek geprüft, über die IIIF-Volltextsuche; die Google-Digitalisate desselben Werks haben stark gestörte Fraktur-OCR und sind nicht brauchbar. Ungewöhnlich an dieser Fassung: Barbarossa und Karl der Große erscheinen im selben Berg, nebeneinander, nicht als austauschbare Varianten derselben Sage. Der Untersberg liegt zur Hälfte auf österreichischem Gebiet; wir laden auf der bayerischen Seite.
47.7053, 12.9792 · frei zugänglich · Ladefenster Rauhnächte