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Edelsteine

Berchtesgadener Alpen · Bayern · Felsen

Steinerne Agnes

Überlieferung

Eine junge, fromme Sennerin im Lattengebirge widersteht dem Teufel, der ihr als Hirtenbub, Wurzelgräber und Geiger nachstellt. Als er sie zuletzt in Jägergestalt an eine Felswand treibt, reißt sie betend die Wand auseinander und entkommt; kniend fleht sie um Hilfe, und zwei weiße Engel tragen sie in den Himmel. Der Teufel findet an ihrer Stelle nur eine steinerne Sennerin — seither heißt der Fels die steinerne Agnes. An Johanni, wenn die Sonne genau durch das „Teufelsloch" genannte Felsloch scheint, hört man sie noch jauchzen.

teufel verfolgt magd · fels oeffnet sich · engel tragen himmelwaerts · wiederkehrendes zeichen

Unsere Lesart

Der Teufel kommt nicht als Ungeheuer, sondern als der, der am besten geigen kann. Was die Sennerin rettet, ist nicht Stärke, sondern dass sie ihm nie wirklich zuhört. Dass man sie noch heute rufen hört, wenn das Licht genau richtig fällt, lesen wir als Zusage: Wer standhält, verschwindet nicht — er wird nur schwerer zu sehen.

Dichtung, von uns

Ein rund 13 Meter hoher, pilzförmiger Dolomit-Erosionsturm im Lattengebirge, auf etwa 1305 m, zwischen Bad Reichenhall und Bischofswiesen. Die unterschiedlich verwitterungsfeste Schichtung des Ramsaudolomits hat ihm seinen schlanken Hals und den vergleichsweise widerstandsfähigen Kopf gegeben — eines von Bayerns schönsten Geotopen und ein amtlich anerkanntes Nationales Geotop.

Schöppner druckt 1852 eine Sage, die Franz von Kobell in bairischer Mundart erzählt hat, hier wörtlich, nur mit Absätzen versehen:

Es is selm a jungi Sennderinn auf der Alm gwest, a’ gar a’ sauberni und frumm und brav aa’ dabei, wie’s es nit allewer’ geit.

Der Teufel, dem gerade die frommen Mädchen am liebsten sind, versucht sein Glück gleich mehrfach: als verirrter Hirtenbub, als geigender Wurzelgräber, der ihr aufspielt und schöntut. Das Diendl merkt, dass nichts Gutes dahintersteckt, und lässt sich nicht beirren. Erst als er in Jägergestalt mit feurigen Augen droht, sie zu zerreißen, treibt er sie an eine Felswand — dort, wo für sie kein Weg mehr weiterführt:

Da hat s laut aufg’schrien: „O heiligi Muatta Gottes hilf! hilf!” und da hat st’ die ganz’ Wand ausenanda tho’ und sie is durchg’rennt in die oa’ Seit’.

Der Teufel bleibt ihr auf den Fersen, doch sie fällt betend auf die Knie, und zwei weiße Engel tragen sie in den Himmel. Wo sie stand, findet der Teufel nur noch eine steinerne Sennerin — seither die steinerne Agnes, „weil sie aar a so ghoaßn hat”. Und an Johanni, zur Sommersonnwende, wenn die Sonne genau durchs Teufelsloch scheint, hört man sie, so erzählt es Schöppner weiter, noch heute jauchzen.

Wann wir hier laden: bei Vollmond, am Fuß der steinernen Agnes.

Steine von hier

Belege

Belegt in gedruckter Quelle

  • Sagenbuch der Bayerischen Lande. Alexander Schöppner, 1852. Bd. 1, Nr. 58, S. 55 f., „Die stoaner’ Agnes bei Reichenhall“, erzählt von Franz von Kobell. Digitalisat.gemeinfrei

Was noch offen ist

Am MDZ-Scan der Bayerischen Staatsbibliothek geprüft, Seite für Seite über die IIIF-OCR. Schöppner druckt den Text in Kobells bairischer Mundart, so wie Kobell ihn selbst aufgeschrieben hat — wir übernehmen das wörtliche Zitat als Mundart, nicht als „an heutige Schreibung angeglichenes" Hochdeutsch, weil beides zwei verschiedene Dinge sind. Franz von Kobell war nicht nur bairischer Mundartdichter, sondern auch Mineraloge und Professor für Mineralogie in München — für diese Seite ein Zufall, der zu gut passt, um ihn zu verschweigen. Die Felsformation selbst, ein rund 13 m hoher Dolomit-Erosionsturm im Lattengebirge, ist als Nationales Geotop ausgewiesen und über den Weißbach-Speik-Rundweg ab Hallthurm erreichbar; Name und Sage sind bis heute in Gebrauch, nicht nur im Buch.

47.6867, 12.9086 · frei zugänglich · Ladefenster Vollmond