Harz · Sachsen-Anhalt · Felsen
Roßtrappe
Überlieferung
Unter dem Felsen liegt im Fluss ein tiefes, fast unergründliches Loch, der Kessel. Der Sage nach sprang hier die Tochter eines Hünenkönigs mit ihrem Pferd dreimal von einem Fels zum andern; zweimal gelang es, beim dritten Sprung schlug das Roß rückwärts über und stürzte mit ihr in den Kessel, wo sie seither sitzen soll. Ein Taucher, der gegen Trinkgeld einen Blick auf ihre Krone erhaschen wollte, wurde beim dritten Versuch gewarnt: Steige aus dem Wasser ein Blutstrahl auf, sei er umgebracht. So geschah es.
dreifacher sprung · hufabdruck · versunkene krone · todeszeichen
Unsere Lesart
Zweimal gelingt der Sprung. Beim dritten Mal, dem, den niemand mehr wagen muss, geht es schief. Auch der Taucher weiß beim dritten Tauchgang, was kommen kann, und geht trotzdem hinunter. Nicht der erste Schritt ist der gefährliche, sondern der, den man aus Gewohnheit für sicher hält.
Dichtung, von uns
403 Meter, ein von Quarzadern durchzogener Granitfelsen über dem Bodetal bei Thale, dem Hexentanzplatz auf der anderen Talseite gegenüber. Unten im Fluss, unter dem Felsen, liegt der Bodekessel, ein Gumpen, den die Bode über Jahrtausende in den Fels gefräst hat.
Behrens berichtet 1730 in seiner Hercynia curiosa von zwei Fassungen der Sage. Die eine erklärt den Hufabdruck im Fels: Ein Verliebter habe die Tochter eines Königs mit schwarzer Kunst auf einem Pferd entführen wollen, dabei sei das Pferd mit einem Fuß auf den Felsen gesprungen und habe das Hufeisen als Wahrzeichen eingeschlagen. Die andere erzählt vom Kessel selbst, hier in behutsam an heutige Schreibung angeglichener Fassung:
Sonst ist in diesem Flusse unter dem Roß-Trapp ein tiefes und fast unergründliches Loch vorhanden, welches von den Einwohnern der Kessel genannt wird, und es erzählt davor der gemeine Mann: wie vormals eines Hünenkönigs Tochter eine Wette angestellt habe, mit ihrem Pferde an gedachtem Orte dreimal von einem Felsen zum andern zu springen, welches sie zweimal glücklich verrichtet hätte, zum drittenmal aber sei das Roß rückwärts übergeschlagen und mit ihr in den Kessel gestürzt, worin sie sich auch noch befinde. Denn solche sei einesmals von einem Taucher, einigen zu Gefallen, um ein Trinkgeld so weit außer Wasser gebracht worden, dass man etwas von der Krone sehen konnte; als aber derselbe solches zum drittenmal tun sollte, hätte er anfänglich nicht daran gewollt, endlich aber dasselbe gewagt und dabei vermeldet: dass, wenn aus dem Wasser ein Blutstrahl aufstiege, er alsdann von der Jungfer umgebracht sein würde, und die Zuschauer geschwind davon eilen möchten. So sei es dann erfolgt.
Pröhle merkt an, dass mündlich noch eine jüngere, andere Fassung kursiert, in der eine Prinzessin vor sieben Brüdern flieht. Er trennt beide Erzählungen ausdrücklich. Wir erzählen die ältere, gedruckte.
Wann wir hier laden: bei abnehmendem Mond, am Fuß des Felsens, mit Blick auf den Kessel.
Steine von hier
Belege
Belegt in gedruckter Quelle
- Harzsagen, Zweiter Band. Sagen des Unter-Harzes. Heinrich Pröhle, 1859. Nr. 3 und 4, S. 2 f., „Die Sage von der Roßtrappe“. Digitalisat.gemeinfrei
Was noch offen ist
Pröhle referiert Nr. 3 wörtlich nach Behrens' Hercynia curiosa; Nr. 4 gibt eine jüngere mündliche Fassung mit einer verfolgten Prinzessin und sieben Brüdern wieder, die er ausdrücklich als andere Erzählung kennzeichnet. Wir folgen der älteren, gedruckten Fassung.
51.7350, 11.0178 · frei zugänglich · Ladefenster abnehmender Mond