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Edelsteine

Mosel · Rheinland-Pfalz · Ort

Reichsburg Cochem

Unglücksburg

Überlieferung

Pfalzgraf Heinrich, dessen Verstand seit einem Sturz in der Jugend beschädigt ist, sitzt eines Abends auf der Burg Cochem bei seiner Gattin Mathilde, als ihn ohne Vorzeichen der Wahnsinn übermannt: Er greift zur Streitaxt und erschlägt sie. Blutbedeckt flieht er, wird von den eigenen Söldnern gefangen und dem Erzbischof von Trier übergeben, der ihn nicht zu richten wagt und ihn ins Kloster Echternach bringt, wo er stirbt. Die Burg trägt seither den Beinamen Unglücksburg.

ploetzlicher wahnsinn · gattenmord · gefangen von eigenen leuten · vererbtes unglueck

Unsere Lesart

Ein Anfall, der niemanden vorwarnt, lässt sich nicht durch Vorsicht abwenden — nur durch das, was danach kommt: dass die eigenen Leute nicht wegsehen, sondern zupacken. Wir lesen die Burg nicht als verflucht, sondern als das, was bleibt, wenn eine Familie eine Wunde nie benennt: ein Beiname, der Unglück bedeutet, wo die Burg auch anders heißen könnte.

Dichtung, von uns

Die Reichsburg thront auf einem Felskegel über der Altstadt von Cochem, an einer der engsten Schleifen der Mosel — schon von weitem das Wahrzeichen der Stadt, heute ein im 19. Jahrhundert originalgetreu wiederaufgebautes Schloss über den echten mittelalterlichen Grundmauern.

Hocker erzählt 1855, hier behutsam an heutige Schreibung angeglichen:

Pfalzgraf Heinrich, dessen Verstand durch einen Sturz in der Jugend Schaden gelitten, war nach Kochem gekommen, als seine Fehde mit Bischof Anno von Köln ein unglückliches Ende genommen. Schweigend und losend saß er abends neben seiner Gattin Mathilde, als die Raserei ihn plötzlich überkam. Von Wuth zitternd sprang er auf, faßte die Streitaxt und streckte sie mit einem Schlage zu Boden.

Blutbedeckt läuft er hinaus, wird von seinen eigenen Söldnern festgenommen, die ihn nach Trier vor den Erzbischof bringen. Dieser wagt kein Urteil über ihn zu sprechen und bringt ihn ins Kloster Echternach, wo er stirbt.

Roderich Irmer erzählt 1880 in der Gartenlaube dieselbe Geschichte noch einmal, unter dem Namen, den er der Burg gibt: „Unglücksburg” — ein Name, den die Reichsburg in seiner Darstellung über mehrere Herrengeschlechter hinweg zu rechtfertigen scheint. Der mächtige Bergfried, der aus dem dunklen Grün der Burghänge hervorschaut und 1689 der Zerstörung durch die Franzosen im Pfälzischen Erbfolgekrieg nur knapp entging, blickt bis heute ins wildromantische Moseltal.

Wann wir hier laden: bei abnehmendem Mond, auf der Burg hoch über Cochem.

Steine von hier

Belege

Belegt in gedruckter Quelle

  • Das Moselthal von Nancy bis Koblenz. Landschaft, Geschichte, Sage. Nikolaus Hocker, 1855. Kap. 12, S. 144 f., „Heinrich der Tolle“. Digitalisat.gemeinfrei
  • Bilder von der Mosel. Cochem. Roderich Irmer, 1880. Die Gartenlaube, Nr. 7, S. 116–118. Digitalisat.gemeinfrei

Was noch offen ist

Hocker am Digitalisat der Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz (dilibri) seitenweise gegengelesen, nicht nur zusammengefasst. Irmer erzählt dieselbe Kernhandlung 25 Jahre später in der Gartenlaube unabhängig noch einmal, mit denselben Eckdaten (Fehde mit Erzbischof Anno von Köln, der plötzliche Anfall, die Verbannung nach Echternach) — zwei voneinander unabhängige Fassungen desselben Stoffs, das trägt den Status verifiziert. Die genaue Chronologie (Pfalzgraf Heinrich, gestorben 1085, ist historisch bezeugt) ist an dieser Stelle nicht weiter geprüft; uns interessiert die Sage, nicht die Urkunde.

50.1422, 7.1671 · eingeschränkt zugänglich · Ladefenster abnehmender Mond