Zum Inhalt springen
Edelsteine

Sächsische Schweiz · Sachsen · Felsen

Pfaffenstein

Barbarine

Überlieferung

Eine Tochter aus dem benachbarten Pfaffendorf soll an einem Sonntag in die Kirche gehen, geht stattdessen aber auf den Pfaffenstein in die Heidelbeeren. Ihre Mutter folgt ihr, findet sie dort und verwünscht sie im Zorn, augenblicklich zu Stein zu werden — was auch geschieht. Die versteinerte Jungfrau, einen Korb am Arm, aber ohne Arme und Füße, soll seither an der Stelle stehen bleiben und alle ungehorsamen Kinder warnen.

ungehorsam bestraft · verwandlung zu stein · mahnendes wahrzeichen · elterlicher fluch

Unsere Lesart

Der Fluch trifft sie in dem Moment, in dem sie am freiesten ist — nicht in der Kirche, sondern auf dem Berg, zwischen den Heidelbeeren. Wir lesen die Barbarine nicht als Warnung vor dem Ungehorsam, sondern als Denkmal für den Augenblick davor: für das, was man tut, kurz bevor jemand entscheidet, dass es zu weit ging.

Dichtung, von uns

Der Pfaffenstein, auch Jungfernstein genannt, ist ein bewaldeter Tafelberg gegenüber der Festung Königstein, im Nationalpark Sächsische Schweiz. Auf seiner Südwestseite ragt eine gut 42 Meter hohe Sandsteinnadel auf, die Barbarine — das mit der Bastei bekannteste Wahrzeichen der Region und lange eines der beliebtesten Kletterziele im Elbsandsteingebirge, bis sie 1975 aus Sicherheitsgründen für den Klettersport gesperrt und 1978 zum Naturdenkmal erklärt wurde.

Grässe notiert 1874, hier behutsam an heutige Schreibung angeglichen:

Auf der Südwestseite [des Pfaffensteins] erblickt man die sogenannte steinerne Jungfrau, das heißt einen Felsen von der Form einer riesenhohen Jungfrau, ohne Arme und Füße, welche einen Korb am Arme trägt, und von dessen Ursprung man sich Folgendes erzählt.

Eine Mutter aus dem nahen Pfaffendorf schickt ihre Tochter an einem Sonntag zur Kirche. Die Tochter geht stattdessen auf den Pfaffenstein, um Heidelbeeren zu sammeln. Als die Mutter ihr nachgeht und sie dort antrifft:

hat sie im Zorn die Tochter verwünscht, dass sie auf der Stelle zu Stein werde, worauf solches augenblicklich auch geschehen ist, und die in einen Stein verwandelte Jungfrau soll auf immer hier stehen bleiben, um durch ihr Steinbild alle ungehorsamen Kinder zu warnen.

Dass der volkstümliche Name Barbarine vom Taufnamen des Mädchens stammt, hält Grässe für wahrscheinlich, nicht für gesichert.

Wann wir hier laden: bei abnehmendem Mond, am Fuß der Barbarine.

Steine von hier

Belege

Belegt in gedruckter Quelle

  • Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen. Johann Georg Theodor Grässe, 1874. Bd. 1, Nr. 188, S. 169 f., „Die steinerne Jungfrau auf dem Pfaffenstein“. Digitalisat.gemeinfrei

Was noch offen ist

Am Wikisource-Volltext geprüft, seitengenau mit dem Scan verknüpft (Bd. 1, S. 169-170). Grässe selbst nennt als ältere Quellen Melissantes' Curieuse Orographie (1715) und Süsses Historie des Städtchens Königstein (1755) und verweist daneben auf zwei poetische Bearbeitungen bei Segnitz und Ziehnert — diese sind Kunstdichtung und bleiben nach unserer Regel aussen vor, referiert wird nur Grässes eigene Prosa. Grässe selbst schreibt den Namen „Barbarine" nur als wahrscheinliche Herleitung vom Taufnamen des Mädchens, nicht als Tatsache.

50.8975, 14.0806 · frei zugänglich · Ladefenster abnehmender Mond