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Edelsteine

Rhein · Rheinland-Pfalz · Ort

Binger Mäuseturm

Überlieferung

Während einer Hungersnot am Rhein hält Erzbischof Hatto von Mainz das Korn zurück und verkauft es zu Höchstpreisen. Die Hungernden, die vor seiner Burg um Brot rufen, lässt er in eine Scheune sperren und anzünden; ihr Schreien nennt er vor seinen Gästen das Piepen der Mäuse. Eine alte Frau hört das und wünscht ihm, die Mäuse mögen erst sein Korn und dann ihn selbst fressen. Darauf lässt der Bischof einen Turm ohne Brücke in den Rhein bei Bingen bauen; die Mäuse folgen ihm durch den Strom, und am Morgen findet die Dienerschaft nur noch sein Skelett.

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Unsere Lesart

Hatto baut, als es zu spät ist. Der Turm ist dabei genau richtig gebaut: freistehend, ohne Brücke, ringsum Wasser. Er löst das Problem, das der Bischof zu haben glaubte, und nicht das, das er hatte.

Dichtung, von uns

Ein Turm von rund fünfundzwanzig Metern auf einer Felseninsel im Rhein, vor Bingerbrück, am oberen Ende des Binger Lochs. Gebaut wurde er im frühen 14. Jahrhundert, und zwar als Zollwachturm: Zusammen mit der Burg Ehrenfels gegenüber am rechten Ufer bildete er die Sperre, an der Rheinzoll erhoben wurde. Seine Aufgabe war das Spähen. Wer kam, wurde von hier aus ans andere Ufer gemeldet.

Daher stammt vermutlich auch der Name. Er geht wohl auf mittelhochdeutsch mûsen zurück, spähen, lauern, oder auf althochdeutsch muta, Wegezoll. Mit Mäusen hat er dann nichts zu tun. Die Sage hat den Namen später gedeutet und ihm die Geschichte gegeben, die heute jeder kennt.

Pröhle erzählt sie 1886 ausführlich. Der Bischof hat das Korn gehortet, das Volk steht vor der Burg, er lässt es in eine Scheune sperren und anzünden:

Als nun die unglücklichen Opfer des Geizes und der Roheit des Bischofs ein Klagegeschrei erhoben, sagte dieser wohlgefällig zu seinen erschrockenen Gästen: „Hört nur, wie die Mäuse in der Scheune piepen!“

Eine alte Frau am Stock, die zu spät kommt und noch um Mehl bitten wollte, hört den Satz und verwünscht ihn. Danach kommen die Mäuse. Sie gehen an das Mehl, an das Korn, in die Mühlen, schließlich in die Schlafkammer. Der Bischof lässt daraufhin den Turm bauen, „ganz freistehend in die Wellen des Rheins bei Bingen, wo der Rhein am wildesten flutet“, durch keine Brücke mit dem Land verbunden. Er lässt sich an einem Sommerabend hinüberschaffen und schickt die Dienerschaft fort:

Als sie aber am andern Morgen wiederkam, fand sie nur noch das Skelett des Erzbischofs. Das Übrige hatten die Mäuse gefressen. Sie waren ihm durch den Rhein gefolgt.

Der Bau ist die eigentliche Pointe. Hatto tut nichts von dem, was die alte Frau zu ihrem Fluch gebracht hat, rückgängig. Er ändert nichts an seiner Rechnung, er gibt kein Korn heraus, er baut. Und er baut sorgfältig, gegen genau die Gefahr, die er verstanden zu haben meint.

Zur Baugeschichte: Bis ins 17. Jahrhundert war der Turm weitgehend zerstört. 1845 wurde er notdürftig repariert, ab 1855 im neugotischen Stil wieder aufgebaut, nach Plänen des Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner und des Architekten Friedrich Albert Cremer. Von da an diente er der Wahrschau, der Signalgebung für die Schifffahrt am Binger Loch. Diese Aufgabe endete 1974, als die Fahrrinne verbreitert wurde. Was heute auf der Insel steht, ist also zum größten Teil ein Bau des 19. Jahrhunderts an mittelalterlicher Stelle.

Die Insel ist nicht zugänglich. Man sieht den Turm vom Ufer und vom Schiff.

Wann wir hier laden: bei abnehmendem Mond, am Binger Ufer, mit dem Turm in Sicht.

Steine von hier

Belege

Belegt in gedruckter Quelle

  • Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Heinrich Pröhle, 1886. S. 96–99. Digitalisat.gemeinfrei

Was noch offen ist

Pröhle erzählt nach und nennt keine ältere Quelle. Er setzt die Geschichte ins zehnte Jahrhundert; der Turm wurde erst im frühen 14. Jahrhundert gebaut. Die Sage ist damit rund vierhundert Jahre älter als das Bauwerk, an dem sie hängt. Das steht auf der Ortsseite und wird nicht weggelassen.

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