Rhein · Rheinland-Pfalz · Felsen
Loreley
Lurlei
Überlieferung
Den Namen Lorelei oder Lurlei trägt zunächst ein Felsen südlich von St. Goarshausen. Er steigt senkrecht aus dem Rhein auf, hat ein berühmtes Echo und ist den Schiffern gefährlich; „Lei“ heißt der Fels. Die Sage hat diesen Felsen zum Wohnsitz einer schönen Wasserfrau gemacht, die die Vorüberfahrenden durch ihren Gesang anlockt, bis sie scheitern. Im 13. Jahrhundert glaubte man, hier sei der Nibelungenhort versenkt; aus dem 16. und 17. Jahrhundert wird berichtet, der Fels sei von Geistern bewohnt.
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Unsere Lesart
Die gefährlichste Stelle des Flusses ist zugleich die, an der man am liebsten hinaufsieht. Wer das tut, sieht die Riffe nicht mehr. Es braucht keine Zauberin dafür, es genügt eine schöne Aussicht am falschen Ort.
Dichtung, von uns
Eine Schieferfelswand von 132 Metern bei St. Goarshausen, an der engsten und tiefsten Stelle des Mittelrheins. Der Fels springt vom rechten Ufer in den Strom, der Fluss wird schmal, die Strömung schnell. Vor der Sprengung der Riffe im vergangenen Jahrhundert war die Passage eine der gefährlichsten des ganzen Rheins; die Schiffer ließen ihre Mannschaft davor durch drei Glockenschläge zum Gebet rufen. Heute gehört die Stelle zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal.
Zwei Dinge sind an diesem Ort alt und belegt. Das eine ist das Echo, dem man ein siebenfaches Antworten nachsagte und für das Zwerge im Inneren des Felsens verantwortlich gemacht wurden. Das andere ist die Gefahr.
Pröhle beschreibt beides 1886 nüchtern und in einem einzigen Absatz, hier in behutsam an heutige Schreibung angeglichener Fassung:
Den Namen Lorelei oder Lurlei führt zunächst ein Felsen im Süden von Goarshausen. Er steigt senkrecht aus dem Rheine auf, hat ein berühmtes Echo und ist den Schiffern gefährlich. Lei heißt eigentlich der Fels.
Und dann, ohne Umschweife, der Satz, um dessentwillen dieser Ort bei uns steht:
Die Sage hat diesen aus dem Rheine aufsteigenden Felsen zum Wohnsitze einer schönen Wasserfrau gemacht. Alles andere werden vielleicht die Dichter zu der Sage hinzugefügt haben.
Das ist 1886 geschrieben, in einem Buch für die Jugend, von einem Sammler, der sein Geld nicht mit Skepsis verdiente. Er hätte die goldkämmende Jungfrau einfach erzählen können. Stattdessen trennt er, was er trennen kann.
Was die Dichter hinzugefügt haben: Clemens Brentano erzählt 1801 in seinem Roman Godwi die Ballade von der Zauberin Lore Lay zu Bacharach, die sich vom Felsen in den Rhein stürzt, als sie unten ein Schiff sieht. Das ist der Ursprung der Gestalt, und es ist Kunstdichtung, keine Überlieferung. Heinrich Heine schreibt 1824 das Gedicht, das heute jeder kennt. Pröhle druckt es ab und schreibt dazu, es sei etwas, „das eine Sage kaum genannt werden kann“.
Bei Heine sieht der Schiffer nicht mehr hin, wo er hinsehen müsste:
Den Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh’.
Der Fels hat mehr Menschen umgebracht als jede Sage über ihn. Das ist keine Ernüchterung, sondern der Grund, warum die Geschichte überhaupt entstehen konnte: Die Leute wussten, dass hier Schiffe untergehen, und suchten dafür etwas, das schöner ist als eine Sandbank.
Wann wir hier laden: bei Vollmond, oben auf dem Plateau, mit Blick auf die Schleife.
Steine von hier
Belege
Belegt in gedruckter Quelle
- Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Heinrich Pröhle, 1886. S. 112–115. Digitalisat.gemeinfrei
Was noch offen ist
Alt sind der Fels, das Echo und die Gefahr. Die singende Frau ist es nicht. Pröhle sagt das 1886 selbst: Die Sage habe den Felsen zum Wohnsitz einer Wasserfrau gemacht, „alles andere werden vielleicht die Dichter zu der Sage hinzugefügt haben“. Er nennt Brentano und druckt Heine ab, den er ausdrücklich nicht als Sage gelten lässt. Wir behaupten deshalb nirgends, die Lorelei sei eine alte Volkssage.
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