Weserbergland · Niedersachsen · Moor
Das Meer bei Kaierde
Überlieferung
Zwischen Kaierde und Delligsen liegt eine sumpfige Wiese, die das Meer genannt wird, mit mehreren tiefen, wassergefüllten Löchern, die als unergründlich gelten. An der Stelle des tiefsten Lochs soll vor alten Zeiten eine Kirche in die Erde versunken sein; wer dort vorübergeht, hört von Zeit zu Zeit noch die Glocken in der Tiefe läuten. Man meint, die Kirche liege inzwischen unter einem nahen Hügel, wohin sie sich gezogen habe.
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Unsere Lesart
Eine Kirche, die man nicht mehr findet, ist nicht verschwunden — sie hat nur die Stelle gewechselt, und das Läuten bleibt, wo man am wenigsten danach sucht. Wir lesen das Wandern des Heiligtums als Trost, nicht als Rätsel: Was einem wichtig war, verschwindet nicht spurlos, es wird nur schwerer zu orten.
Dichtung, von uns
Kaierde, ein Ortsteil von Delligsen im Landkreis Holzminden, liegt am südlichen Rand des Hils, im Übergang zwischen Leinebergland und Weserbergland. Zwischen Kaierde und dem Nachbarort Delligsen erstreckt sich eine feuchte Niederung, die die Anwohner seit jeher „das Meer” nennen — obwohl kein offenes Wasser weit und breit liegt, nur die tiefen, dunklen Löcher im Moorboden.
Schambach und Müller notieren 1855, fast im vollen Wortlaut belassen:
Zwischen Kaierde und Delligsen ist eine sumpfige Wiese, das Meer genannt. In dieser Wiese befinden sich mehrere tiefe, mit Wasser gefüllte Löcher, die das Volk für unergründlich hält und vor denen viele eine gewisse Scheu haben. Da wo jetzt eins der tiefsten Löcher ist, soll vor alten Zeiten eine Kirche in die Erde versunken sein. Von Zeit zu Zeit hören Leute, die dort vorübergehen, noch die Glocken in der Tiefe läuten. Jetzt soll die Kirche unter einem, ungefähr einen Büchsenschuß davon entfernten, gegenüber liegenden Hügel liegen, wohin sie sich, wie man meint, gezogen hat.
Ein Büchsenschuss entspricht ungefähr der Reichweite einer frühneuzeitlichen Handfeuerwaffe — ein paar hundert Meter. Die Kirche ist also nicht spurlos verschwunden, sondern, so die Erzählung, an einen bestimmten, benennbaren Ort weitergezogen.
Wann wir hier laden: bei Neumond, am Rand des Meeres bei Kaierde.
Steine von hier
Belege
Belegt in gedruckter Quelle
- Niedersächsische Sagen und Märchen. Georg Schambach und Wilhelm Müller, 1855. Nr. 78, S. 58, „Die versunkene Kirche“. Digitalisat.gemeinfrei
Was noch offen ist
Auf zeno.org im Volltext geprüft; die Ausgabe nennt die Seitenzahl (S. 58) direkt in der Quellenangabe. Der Name „das Meer" für eine binnenländische Sumpfwiese, weit von jedem Meer entfernt, steht so im Original — wir haben ihn nicht ausgeschmückt. Kaierde liegt am Rand des Hils, im Leine-Weser-Bergland; die genaue Lage der namensgebenden Löcher innerhalb der heutigen Flur ist nicht mehr sicher zu bestimmen, die Koordinaten bezeichnen daher die Ortsmitte von Kaierde.
51.9246, 9.7733 · frei zugänglich · Ladefenster Neumond